
Ein Leben mit Fußball – und eine WM, die Fragen aufwirft
24. Juni 2026 | Von Alexander WeihrauchWie passt das Handeln der FIFA zu den Werten des Fußballs – Vielfalt, Fairness und Respekt?
Wie kann ein Turnier diese Vielfalt feiern wollen, während Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden?
Wie kann von Einheit gesprochen werden, wenn Angst und Ausgrenzung wachsen?
Wie kann eine Weltmeisterschaft die Welt zusammenbringen wollen, wenn diejenigen, die Verantwortung tragen, nicht einmal ihre eigenen (menschenrechtlichen) Verpflichtungen ernst nehmen?
Ich liebe Fußball. Genau deshalb kann ich nicht schweigen.
Fußball begleitet mich, seit ich denken kann. Schon als Kind hat mich die besondere Kraft dieses Sports geprägt.
Der Fußball, den ich kenne und jeden Tag (er)lebe, schafft etwas, was unserer Politik und uns als Gesellschaft schwerfällt: Er bringt Menschen zusammen und stellt Gemeinsamkeiten in den Fokus. Er baut Brücken, wo andere Mauern bauen. Er erinnert uns daran, dass wir zuerst Menschen sind.

Campaigner bei Amnesty International Österreich
Campaigner bei Amnesty International Österreich
Alexander Weihrauch ist Experte für strategische Kampagnenführung bei Amnesty International Österreich und arbeitet an der Schnittstelle von Menschenrechten, Politik und gesellschaftlichen Wandel. Seine vielfältigen Erfahrungen in Sport, Wissenschaft und Zivilgesellschaft prägen seinen interkulturellen Blick auf Menschenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Doch diese WM stellt mich auf die Probe. Denn ich möchte die verbindende Kraft des Fußballs spüren. Ich möchte mit Freund*innen Spiele schauen, über Taktiken diskutieren, Tore feiern und mitfiebern. Doch gleichzeitig kann ich die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen nicht verschließen, die rund um dieses Turnier stattfinden. Vielleicht ist genau das mein Dilemma als Fußballfan. Ich liebe den Fußball. Aber ich weigere mich zu akzeptieren, dass seine größten Bühnen auf Kosten von Menschenrechten und Menschenleben entstehen.
FIFA: Die Kluft zwischen den Versprechen und der Realität
Doch genau aus all diesen Gründen fällt es mir so schwer, auf den modernen Profifußball zu blicken.
Denn während ich auf dem Platz jeden Tag erlebe, wie Fußball verbindet, sehe ich gleichzeitig die gegenteilige Entwicklung auf der großen Bühne. Denn je größer und profitabler der Fußball geworden ist, desto häufiger scheint der Sport selbst und Menschlichkeit in den Hintergrund zu treten. An seine Stelle treten Macht, Profit und geopolitische Interessen.
Kaum etwas verkörpert diese Entwicklung stärker als die FIFA und die Männerfußball-Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA.
Während die FIFA von Einheit, Vielfalt und Inklusion spricht und die Gastgeber*innenländer große Menschenrechtspläne versprochen haben, erleben wir in genau diesen Ländern eine Realität von Repression, Diskriminierung und Ausgrenzung.
Alexander Weihrauch, Campaigner bei Amnesty International Österreich
Migrant*innen werden ohne Prozess massenhaft eingesperrt und abgeschoben. Friedliche Proteste werden eingeschränkt. Menschen, die Teil dieser globalen Fußballgemeinschaft sein sollten, werden ausgegrenzt. Große Teile der LGBTQIA+ Gemeinschaft meiden das Turnier, weil sie Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Armutsbetroffene Menschen werden weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Dabei sollte die Weltmeisterschaft genau das Gegenteil sein: ein Fest der Begegnung, der Vielfalt und der Freude.
Fußball verbindet und die FIFA spaltet.
Oft fühle ich mich mit dieser inneren Zerissenheit alleine. Doch in vielen Gesprächen mit meinem Team und anderen fußballbegeisterten Menschen finde ich immer wieder heraus, dass wir, egal, wie fanatisch wir den Fußball feiern, unsere Teams unterstützen und die Leidenschaft Fußball leben. Wir alle kommen aktuell zum gleichen Ergebnis:
Wir alle wollen Freiheit statt Angst. Einheit statt Spaltung. Menschlichkeit statt Grausamkeit. Wir wollen, dass Unterschiede verschwimmen, Menschen gemeinsam feiern und Herkunft, Sprache, Religion oder Identität keine Rolle mehr spielen.
Werte des Fußballs verkörpern, nicht verkaufen
Die Werte, die den Fußball so besonders machen – Respekt, Fairness, Gemeinschaft und Solidarität – dürfen nicht an den Stadionausgängen enden. Die FIFA muss ihren eigens geschaffenen menschenrechtlichen Verpflichtungen nachkommen. Sie muss die Männerfußball-WM zu einem Ort machen, an dem die Rechte und die Würde aller Menschen respektiert werden.
Denn am Ende sollte nicht die Macht gewinnen. Nicht das Geld. Nicht die Repression. Sondern das, was den Fußball überhaupt erst so groß gemacht hat:
Die Menschen. Und ihre Menschlichkeit.



