Ein Mann geht in Gaza-Stadt an zerstörten Gebäuden vorbei; trotz Waffenstillstand gibt es täglich israelische Angriffe. 7. Oktober 2026. © Ahmad Hasaballah/Getty Images
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Waffenstillstand in Gaza besteht nur dem Namen nach, sagen mehr als 100 Organisationen

9. Oktober 2026

Seit dem Waffenstillstandsabkommen vor einem Jahr haben israelische Streitkräfte in Gaza mehr als 1.400 Menschen getötet. Fast zwei Millionen Menschen sind immer noch ohne Unterkunft, kein einziges Krankenhaus ist voll funktionsfähig, und 1,4 Millionen Menschen leiden unter schwerstem Hunger.

Ein Jahr nach der Einigung auf das Waffenstillstandsabkommen für Gaza halten mehr als 100 humanitäre Organisationen, Menschenrechtsorganisationen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen fest: Der Waffenstillstand besteht nur dem Namen nach. Israelische Streitkräfte töten und verletzen weiterhin täglich Palästinenser*innen. Beschränkungen für Hilfslieferungen, Ausrüstung und Material für den Wiederaufbau hindern Familien daran, ihre Lebensgrundlagen wieder herzustellen.

Das Töten und die verheerende humanitäre Lage in Gaza dürfen nicht unter dem Deckmantel eines Waffenstillstandsabkommens normalisiert werden. Davor warnten heute die Organisationen, die zur Lage im besetzten palästinensischen Gebiet arbeiten.

Palästinensische Organisationen reagieren unter israelischer Besatzung auf einen enormen Bedarf, mit zerstörten Büros, vertriebenen Mitarbeiter*innen und schrumpfenden Budgets. Lokale und nationale Organisationen leisten als Erste Hilfe und werden bleiben, aber wir müssen geschützt werden. Regierungen müssen handeln, um die Angriffe Israels und seine Beschränkungen unserer Arbeit zu beenden. Geldgeber müssen flexibel und direkt Mittel bereitstellen, um den Bedarf zu decken.

Mohsen Abu Ramadan, Vorstandsmitglied des Palästinensischen NGO-Netzwerks

Im vergangenen Jahr haben israelische Angriffe, Beschuss und Militäreinsätze mehr als 1.400 Palästinenser*innen getötet, darunter mindestens 327 Kinder. Familien und Rettungskräfte haben Hunderte Leichname aus den Trümmern geborgen, oft mit bloßen Händen. Denn die israelischen Behörden beschränken die Einfuhr der Maschinen, die nötig sind, um die Toten zu erreichen. Viele weitere sind noch immer verschüttet und unerreichbar.

Das israelische Militär hat außerdem die sogenannte „Gelbe Linie“ weiter nach Gaza hinein verschoben, über die im Abkommen festgelegte Rückzugslinie hinaus. Damit drängt es Palästinenser*innen in ein immer kleineres und überfülltes Gebiet.

Ein Waffenstillstand ist bedeutungslos, wenn noch immer Kinder getötet werden und Familien ihr Leben noch immer nicht wieder aufbauen können.

Inger Ashing, Geschäftsführerin von Save the Children

Ashing weiter: „Seit der Waffenstillstand verkündet wurde, ist fast jeden Tag ein Kind getötet worden. Familien bleiben in einem verheerenden Kreislauf aus Verlust und Entbehrung gefangen und können ihr Leben nicht wieder aufbauen. Regierungen, die dieses Abkommen unterstützt haben, müssen ihren Einfluss nutzen, um das Töten zu beenden. Sie müssen sicherstellen, dass Kinder Zugang zu Nahrung, medizinischer Versorgung, einer sicheren Unterkunft und Bildung haben. Die Kinder in Gaza haben ein Recht auf Sicherheit und auf eine Zukunft. Regierungen haben die Macht, dabei zu helfen, beides zu ermöglichen – und sie müssen sie nutzen.”

Aktuelle Satellitenbilder zeigen das Ausmaß der von israelischen Streitkräften verursachten Zerstörung: Wohnviertel liegen in Trümmern, Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht und landwirtschaftliche Flächen eingeebnet. Mehr als 80 Prozent der Gebäude in ganz Gaza wurden beschädigt, darunter rund zwei Drittel, die zerstört wurden.

Der Winter naht und Hunderttausende Familien leben noch immer in Zelten, behelfsmäßigen Unterkünften oder beschädigten Häusern. Ihnen steht der vierte Winter bevor, in dem sie Kälte, Wind und Überschwemmungen ausgesetzt sind. Fast jeder vierte Haushalt in Gaza wird inzwischen von einer Frau geführt. Diese Familien leben weitaus häufiger in unsicheren oder unzureichenden Unterkünften.

Für viele gibt es schlicht keinen sicheren Ort, an den sie ziehen können. Familien suchen Schutz in durch den Krieg beschädigten Gebäuden, die einzustürzen drohen. Im September wurden in Gaza-Stadt 21 Menschen getötet, darunter zwölf Kinder, als ein beschädigtes Gebäude einstürzte.

Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegischen Flüchtlingsrats, sagte:

„Es ist zutiefst beschämend, dass sich ein volles Jahr nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands so wenig für die Palästinenser*innen in Gaza verbessert hat. Familien werden noch immer zu unmöglichen Entscheidungen gezwungen: Schutz suchen in beschädigten und gefährlichen Gebäuden oder in Zelten leben, in denen sie unerträglichen Temperaturen ausgesetzt sind. Israelische Beschränkungen verhindern noch immer, dass die benötigte Ausrüstung oder die benötigten Baumaterialien nach Gaza gelangen. Sie sind der einzige Weg, wie die Menschen beginnen können, ihr Leben wieder aufzubauen.”

Angesichts des nahenden Winters müssen alle Regierungen konkrete Schritte setzen, damit die Hilfslieferungen ungehindert zunehmen und Palästinenser*innen endlich mit der gewaltigen Aufgabe der Wiederherstellung ihrer Lebensgrundlagen und des Wiederaufbaus beginnen können.

Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegischen Flüchtlingsrats

Dieselben Beschränkungen wirken sich verheerend auf die Grundversorgung aus. Keines der 36 Krankenhäuser in Gaza ist voll funktionsfähig. Medikamente, Ausrüstung und Treibstoff sind weiterhin äußerst knapp. Neugeborene in Brutkästen, Patient*innen, die Sauerstoff oder intensivmedizinische Versorgung brauchen, ältere Menschen sowie Menschen mit Behinderungen und mit lebensverändernden Verletzungen gehören zu denen, die akuten Risiken ausgesetzt sind. Denn spezielle Behandlungen, Rehabilitations- und Unterstützungsangebote sind weiterhin stark eingeschränkt.

Immer noch müssen mehr als 18.500 Patient*innen, darunter mindestens 4.000 Kinder, medizinisch evakuiert werden. Mehr als 1.000 sind gestorben, während sie darauf warteten.

Unterdessen sind 1,4 Millionen Menschen bis zum Jahresende von schwerstem Hunger oder Schlimmerem betroffen. Gleichzeitig treiben verunreinigtes Wasser und zerstörte Sanitärsysteme weiter die Ausbreitung vermeidbarer Krankheiten voran.

Ein Jahr später ist das Muster unverkennbar. Noch immer werden Familien getötet. Noch immer sterben Kinder an vermeidbaren Krankheiten. Noch immer ist Gaza mit Blindgängern übersät. Häuser liegen in Trümmern, die nicht geräumt werden können, und Hilfe kann die Menschen nicht erreichen, die sie so dringend brauchen. Das ist nicht das, was ein Waffenstillstand bringen sollte. Es spiegelt dieselben Bedingungen wider, aufgrund derer die UN-Untersuchungskommission zweimal zu dem Schluss kam, dass Israel Völkermord begangen hat: im September 2025 und erneut im Juni 2026. Die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft endet nicht mit einem Abkommen auf dem Papier.

Die Rechenschaftspflicht darf nicht unter die Trümmer gekehrt werden. Der Fokus muss jetzt auf Wiederaufbau liegen sowie auf der Einhaltung des Völkerrechts und den Rechten der Betroffenen, die Gerechtigkeit verdienen. Das anhaltende Versäumnis, Israel zur Rechenschaft zu ziehen und zur Einhaltung der verbindlichen Anordnungen des Internationalen Gerichtshofs zu drängen, befeuert weiterhin die massenhaften grauenhaften Verbrechen an Palästinenser*innen.

Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International

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