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Russische Invasion in die Ukraine führt zu Isolation und Vernachlässigung älterer Menschen mit Behinderungen

1. Dezember 2023

In einem heute veröffentlichten Bericht mit dem Titel Bericht They Live in the Dark’: Older people’s isolation and inadequate access to housing amid Russia’s invasion of Ukraine dokumentiert Amnesty International die besorgniserregende Situation älterer Menschen mit Behinderungen in der Ukraine, die aufgrund der anhaltenden russischen Invasion unter extremen Bedingungen leben.

Der russische Einmarsch belastet das ohnehin schon überstrapazierte ukrainische Pflegesystem in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Ältere Menschen mit Behinderungen, die in der Ukraine vertrieben wurden, haben angesichts der anhaltenden Invasion Russlands und physischer oder finanzieller Einschränkungen oft keinen Zugang zu angemessenen Unterkünften und Pflege.

Der Amnesty-Bericht hebt hervor, dass viele Notunterkünfte für Menschen mit körperlichen Behinderungen unzugänglich sind. Infolgedessen werden Tausende von älteren Menschen mit Behinderungen in Heimen untergebracht, weit weg von ihren Angehörigen und isoliert von ihren Gemeinschaften.

Selbst nach der Verbringung in sicherere Teile der Ukraine haben ältere Menschen, insbesondere solche mit Behinderungen, immer noch enorme Schwierigkeiten, ein menschenwürdiges Leben wieder aufzubauen und Zugang zu angemessenem Wohnraum, Unterstützungsdiensten und medizinischer Versorgung zu erhalten.

Laura Mills, Expertin zu Recherchen zu älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen bei Amnesty International

Amnesty International betont die Notwendigkeit, integrative Lösungen zu schaffen, um sicherzustellen, dass ältere Menschen mit Behinderungen Zugang zu angemessenen Unterkünften, Unterstützungsdiensten und medizinischer Versorgung erhalten.

Heime sollten nicht als Standardoption für vertriebene ältere Menschen, einschließlich älterer Menschen mit Behinderungen, angesehen werden. Einfache Änderungen, wie z. B. der Bau von Rampen in Notunterkünften, können gewährleisten, dass Familien zusammenbleiben, was die Lebensqualität für Menschen, die auf Mobilitätshilfe angewiesen sind, erheblich verbessern würde.

Für diesen Bericht befragte Amnesty International zwischen Mai und September 2023 insgesamt 159 Personen, darunter 89 ältere Menschen, von denen viele eine Behinderung hatten, und 22 Sozialarbeiter*innen und Beschäftigte im Gesundheitswesen. Insgesamt besuchten Amnesty-Mitarbeiter*innen 24 Notunterkünfte.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Während die meisten Vertriebenen in der Ukraine in Mietwohnungen leben, machen extrem niedrige Renten und hohe Mietkosten diese Art von Unterkunft für viele ältere Menschen unerschwinglich. Somit leben viele ältere Menschen in Notunterkünften für Vertriebene in Schulen, Wohnheimen und anderen öffentlichen Gebäuden. Fast alle Unterkünfte, die Amnesty International besuchte, waren jedoch für Menschen mit körperlichen Behinderungen teilweise oder vollständig unzugänglich. Den Mitarbeiter*innnen von Amnesty International wurde wiederholt berichtet, dass das Personal in den Notunterkünften aufgrund des Mangels an physisch zugänglichen Unterbringungsmöglichkeiten keine andere Wahl hatte, als ältere Menschen mit Behinderungen in Heimen unterzubringen.

Ältere Menschen mit Behinderungen, einschließlich der wachsenden Zahl von Menschen mit konfliktbedingten Behinderungen, haben oft keinen Zugang zu behindertengerechten Dienstleistungen oder zur Gesundheitsversorgung. Dieser Mangel an Pflege und Unterstützung wird dadurch verschärft, dass viele jüngere Verwandte, die früher ältere Menschen bei ihren Pflegebedürfnissen unterstützt hätten, entweder ins Ausland oder in andere Teile der Ukraine geflohen sind oder zum Militär eingezogen wurden.

Ältere Menschen mit Behinderungen, die in Heimen untergebracht sind, werden häufig von ihren Verwandten getrennt, die in Unterkünften für die allgemeine Bevölkerung leben. Die Unterbringung von Menschen mit Behinderungen in Heimen und anderen Einrichtungen - zu denen auch Langzeitaufenthalte in Krankenhäusern gehören können, in denen auch viele vertriebene ältere Menschen leben - stellt nach Ansicht des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD) eine Form der Ausgrenzung dar.

„Geberländer und humanitäre Organisationen müssen finanzielle und technische Unterstützung bereitstellen, um die Arbeitsbelastung der Sozialdienstleister*innen, die mutig ihr Leben aufs Spiel setzen, zu verringern und ihre Kapazitäten zu erhöhen", sagte Laura Mills.

Die Kosten und die Logistik für eine umfassende Lösung, die sicherstellt, dass alle älteren Menschen unabhängig und in Würde in der Gemeinschaft leben können, sollten nicht von der Ukraine allein getragen werden müssen.

Laura Mills, Expertin zu Recherchen zu älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen bei Amnesty International

Hintergrund

Die anhaltenden wahllosen Angriffe Russlands, von denen viele Kriegsverbrechen darstellen, haben Millionen von ukrainischen Zivilpersonen aus ihren Häusern vertrieben. Die Ukraine hat weltweit einen der höchsten Bevölkerungsanteile älterer Menschen: Fast 10 Millionen der rund 41 Millionen Einwohner*innen, also fast ein Viertel, waren vor Februar 2022 über 60 Jahre alt.

Die Ukraine ist Vertragsstaat des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD). Das bedeutet, dass die ukrainische Regierung sicherstellen muss, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigten Zugang zu ihrer physischen Umwelt haben, auch in bewaffneten Konflikten. Internationale Partner sollten die Ukraine unterstützen, unter anderem durch die Finanzierung und Bereitstellung von Materialien, um Unterkünfte physisch zugänglich zu machen.

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