Justyna Wydrzyńska im Interview © Amnesty International Österreich
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Justyna Wydrzyńska - die polnische Frauenrechtsaktivistin im Interview über ihren Einsatz für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch

24. September 2026

Justyna Wydrzyńska ist eine polnische Menschenrechtsaktivistin und Mitbegründerin des Abortion Dream Team. Sie setzt sich seit Jahren für den Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen ein. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was sie dazu motiviert hat, sich als Aktivistin für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch einzusetzen und was sie sich für den gesellschaftlichen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen wünscht.

Was ist das Abortion Dream Team?

Das „Abortion Dream Team“ ist ein Kollektiv aus drei Personen. Wir haben unsere Arbeit 2016 aufgenommen versuchen seither, Schwangerschaftsabbrüche in Polen durch eine positive Sprache zu normalisieren, indem wir den Menschen zeigen, dass auch wir einen Schwangerschaftsabbruch hatten und deswegen keine Monster sind. Wir sind ganz normale Menschen, die ihr Leben leben und ihre eigenen Geschichten haben. Und wir stehen zu unseren Erfahrungen.

Wir versuchen, die Sprache rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch in der Politik zu normalisieren. Wir versuchen, die öffentliche Debatte über den Zugang zu einem Schwangerschaftsabruch in Polen zu verändern.

Justyna Wydrzyńska, Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen
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Justyna Wydrzyńska

Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen

Justyna Wydrzyńska

Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen

Justyna Wydrzyńska hilft Menschen dabei, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, in Polen und darüber hinaus. Am 8.3.2026 (Feministischer Kampftag) hat sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen vom Abortion Dream Team das „First Abortion Zentrum“ für Schwangerschaftsabbrüche in Warschau eröffnet, direkt gegenüber dem polnischen Parlament. Beim Amnesty International Briefmarathon 2023 haben sich über 580.000 Unterstützer*innen dafür eingesetzt, dass die Anklagen gegen sie fallengelassen werden.

(Bild: Karolina Jackowska)

Und ich denke, das Wichtigste ist: Wir helfen Menschen dabei, Zugang zu Medikamenten für einen Schwangerschaftsabbruch zu erhalten.

Was hat dich motiviert, deinen Aktivismus zu starten?

Mein Engagement begann 2006, als ich ungewollt schwanger wurde. Ich hatte nie im Leben vor, Aktivistin zu werden. Ich wollte eine Familie, Kinder, ein Zuhause, einen Hund – und das war’s. 

Doch nachdem ich meinen eigenen Schwangerschaftsabbruch hinter mir hatte, wurde mir klar, wie wenig Informationen es über Medikamenten für einen Schwangerschaftsabbruch gibt, wie viele Lügen rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch kursieren und wie Frauen wegen ihrer eigenen Entscheidungen stigmatisiert werden. Also beschloss ich zunächst einmal, über meinen eigenen Schwangerschaftsabbruch zu sprechen.

Ich startete einen Blog und schrieb über meine unterschiedlichen Gefühle – ich hatte gute und schlechte Tage. Ich schrieb über alles, was mir durch den Kopf ging, und bekam bald viele Nachrichten von anderen Frauen, die sich zu dieser Zeit in derselben Situation befanden wie ich. Und ich dachte mir: Es gibt so viele. Und wenn ich mich in diesem Moment so allein gefühlt habe, dann fühlen sie sich wahrscheinlich auch allein, weil sie keinerlei Informationen haben.

Wenn ich also meine eigene Geschichte teile, wenn ich ihnen sage: Ja, ich war gestresst, ich hatte Angst zu sterben, weil ich damals so viele Mythen rund um Schwangerschaftabbrüche gelesen habe – dann haben sie vielleicht nicht so große Angst wie ich damals.

Und ich habe andere Frauen kennengelernt. Wir begannen, eine Gruppe aufzubauen, und tauschten uns über unsere eigenen Geschichten aus. Anschließend richteten wir ein Online-Forum ein, in das wir Frauen und Schwangere einluden, die die Abtreibungspillen nutzen wollten, um sich uns dort anzuschließen. So hat alles angefangen. Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauern würde, aber es ist zu meinem Leben geworden. Es steckt mir im Blut. Und wenn wir den einzelnen Menschen nahekommen und am Ende des Tages ihre Geschichten hören, spüren wir in ihren Stimmen, dass sie mit der Situation zufrieden sind, dass sie Unterstützung erfahren haben und dass sie keinen Stress mehr wegen einer ungewollten Schwangerschaft empfinden.

Das ist meine Motivation: dass die Menschen Unterstützung und Hilfe erhalten und sich nicht mehr so allein fühlen, wie ich mich gefühlt habe.

Justyna Wydrzyńska, Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen

Was wünscht du dir im gesellschaftlichen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen?

Das Erste, was ich mir von der Öffentlichkeit wünsche, ist, dass wir nicht verurteilt werden, dass wir nicht kritisiert werden, wenn wir eine Entscheidung treffen, die jemandem nicht gefällt. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass wir anders sind, und dass sie einfach akzeptieren, wie wir unser Leben gestalten.

Es ist meine Entscheidung, es ist meine Verantwortung, und ich möchte nicht, dass sich jemand gegen meine Entscheidungen stellt.

Justyna Wydrzyńska, Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen

Was würdest du deinem damaligen Ich sagen, das angeklagt wurde?

Ich hatte große Angst. Ich hatte große Angst vor einem Konflikt zwischen mir als Einzelperson und der Macht der Regierung. Ich würde mir sagen: „Ändere nichts an deinem Verhalten und mach dir keine Sorgen, alles wird gut.“

Welchen Einfluss hat das Abortion Dream Team auf Polens Gesellschaft?

 

Das „Abortion Dream Team“ genießt großes Vertrauen in der polnischen Gesellschaft. Wir haben Menschen den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ermöglicht. Wenn sie sich in polnischen Krankenhäusern unsicher fühlen, wenden sie sich an das „Abortion Dream Team“.

Die Gesellschaft vertraute den Ärzt*innen. Doch da an manchen Orten Menschen in Krankenhäusern starben – an Orten, von denen man normalerweise annimmt, dass sie ein sicherer Ort sind –, wurden wir zu einer Organisation, bei der die Menschen eine zweite Meinung einholen und überprüfen können, ob sie in den Krankenhäusern tatsächlich Unterstützung erhalten oder nicht. 

Ein weiterer Punkt, auf den wir Einfluss haben, ist, dass zu Beginn meines Engagements die meisten Schwangeren Abtreibungspillen zwischen der 9. und der 11. Schwangerschaftswoche einnahmen. Heute nimmt die Mehrheit der Schwangeren Abtreibungspillen etwa in der 7. oder 8. Schwangerschaftswoche ein. 

Das bedeutet also, dass sie schneller an Informationen über Abtreibungspillen kommen. Sie wissen, dass es für sie legal ist, Abtreibungspillen zu nehmen, und dass sie keine Angst vor der Staatsanwaltschaft haben müssen. Die dritte Ebene betrifft die Politiker*innen.

Wir haben Politiker*innen dazu gezwungen, über Schwangerschaftsabbrüche zu diskutieren. Wir waren im Parlament und haben die Zahlen der Abortion Dream Team Helpline vorgelegt. Wir haben die Abtreibungspillen vor dem Parlament präsentiert. Wir haben im polnischen Parlament den gesamten Ablauf der Einnahme von Abtreibungspillen erläutert.

Und schließlich haben wir in Warschau, direkt gegenüber dem polnischen Parlament, das „First Abortion Center“ eröffnet, wo Menschen nicht nur vorbeikommen können, um einen Schwangerschaftstest zu machen, Kondome abzuholen und mit uns über Lösungen zu sprechen, sondern wo sie auch Abtreibungspillen mit unserer Anwesenheit einnehmen können. 

Wir haben seit dem 8. März letzten 2025 geöffnet, und mehr als 100 Menschen sind zu uns gekommen und haben bei uns Abtreibungspillen eingenommen. Ich denke also, dass wir wirklich ein Niveau erreicht haben, das die polnische Regierung – sagen wir es mal so – nie erreicht hat. So groß ist das Vertrauen in uns, in das „Abtreibungs Dream Team“.

Beim Amnesty International Briefmarathon haben sich Menschen weltweit für dich eingesetzt. Was hat diese internationale Unterstützung für dich bedeutet?

Ich habe Hunderte von Karten und Nachrichten sowie Zeichnungen erhalten, und ich habe mir selbst jede Karte und jeden Brief genau angesehen. Ich habe alles selbst gelesen. Ich habe diese Briefe nach der Verurteilung erhalten, noch vor der Berufung. Sie gaben mir das Gefühl, sehr unterstützt zu werden, als ich merkte, dass sich so viele Menschen die Zeit genommen haben – ein paar Minuten – um mir zu schreiben: „Ich unterstütze dich. Gib nicht auf.“ Schon diese drei Worte haben mir dieses Gefühl gegeben.

Ich hatte im Gerichtssaal, als ich allein vor dem Richter saß, das Gefühl, ganz allein zu sein. Aber all diese Nachrichten aus der ganzen Welt zu lesen, gaben mir das Gefühl: Nein, du warst nicht allein. Die Menschen waren vielleicht nicht mit dir im Gerichtssaal, aber es gab jemanden, der an dich dachte, dir herzliche Nachrichten schickte, dir Wärme und Mitgefühl schenkte und gedanklich an deiner Seite war. Ich schaute mir diese Karten zusammen mit meiner Tochter an und wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass es so viele sind. 

Die Menschen, die das Sammeln dieser Botschaften organisiert haben, die diese Geschichte erzählt haben. Sie wollten das tun und waren der Meinung, dass es sich lohnt, über das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und Frauenrechte im Allgemeinen zu sprechen. Deshalb bin ich so froh, dass Amnesty International das organisiert hat. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Nachrichten erhalten habe, denn sie haben mir gezeigt, dass es vielen, vielen Menschen genauso geht wie mir.

Am meisten haben mich die Nachrichten berührt, in denen stand: „Ich habe selbst einen Schwangerschaftsabbruch hinter mir, ich unterstütze dich.“ Und das war, glaube ich, das, was mich am meisten im Herzen berührt hat.

Justyna Wydrzyńska, Aktivistin für Schwangerschaftsabbrüche in Polen

Was sind deine Hoffnungen für die Zukunft?

 

Wow. Das ist eine große Frage. Ich glaube fest an die junge Generation – sie ist völlig anders als wir. Wenn ich meine Kinder anschaue und den Unterschied zwischen mir in ihrem Alter und ihnen sehe, wie aufgeschlossen sie sind und wie leicht ihnen Dinge fallen, die ich in ihrem Alter nur schwer verstehen konnte. Und für sie ist das so, als hätten sie es im Blut.

Ich glaube wirklich, dass sie die Welt verändern werden. Sie werden die Denkweise der Menschen verändern. Sie denken viel mehr über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nach. Sie sind nicht so patriarchal geprägt, wie ich es damals war. Deshalb glaube ich wirklich, dass darin die Hoffnung liegt. Und in 20, 30 Jahren wird die Welt anders sein. Ich möchte, dass Frauen mehr Verantwortung übernehmen. Denn ich glaube, dass mehr Frauen in Führungspositionen weniger Krieg bedeuten würde.

Vielen Dank für das Interview!

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