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"Meine Briefe warten in der Schublade auf Kamran"

10. Mai 2022

Interview mit Harika Ghaderi, Frau des im Iran inhaftierten Österreichers Dr. Kamran Ghaderi

Der österreichische Geschäftsmann Dr. Kamran Ghaderi verbüßt nach einem grob unfairen Verfahren, bei dem weder er sich selbst noch ein Anwalt ihn verteidigen durfte, eine zehnjährige Gefängnisstrafe im Iran. Sie wurde aufgrund von falschen „Geständnissen“ verhängt, die durch Drohungen und verlängerte Einzelhaft erzwungen wurden. Kamran Ghaderis Frau Harika erzählt im Interview, wie sie und ihre Kinder seit mittlerweile fast sechseinhalb Jahren ohne ihren Mann und Vater leben, der plötzlich aus ihrem Leben gerissen wurde. 

Was ist damals passiert? Warum wurde Kamran festgenommen?  

Harika Ghaderi: Also den eigentlichen Grund seiner Festnahme wissen wir leider nicht genau. Mein Mann hat kein Verbrechen begangen, er ist ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann gewesen, der ziemlich oft in den Mittleren Osten gereist ist. Zuletzt war er mit der österreichischen Delegation mit dem ehemaligen Bundespräsident Heinz Fischer und 200 anderen Geschäftsleuten im Iran. Zwei Monate nach diesem Besuch mit der österreichischen Delegation ist er wieder eingereist und wurde am Flughafen festgenommen. Am Anfang wurde nicht gesagt, warum und erst drei Monate später haben wir erfahren, was eigentlich los ist.

Was haben Sie damals erfahren?

Wir haben erfahren, dass er in den ersten drei Monaten gefoltert wurde, täglich mehrere Stunden, und gezwungen wurde zwei falsche Geständnisse zu unterschreiben. Die Geständnisse entsprechen überhaupt nicht der Wahrheit, wurden aber im Gericht als einziges Beweismittel gegen ihn verwendet. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die zweite Instanz hat dann diese Gerichtsentscheidung bestätigt und seitdem hat er mehrmals um vorzeitige Entlassung und Wiederaufnahme seines Falls angesucht. Aber alle diese Gesuche wurden abgelehnt. 

Wofür wurde er verurteilt?

Verurteilt wurde er mit der Begründung, dass er für “verfeindete Länder” gearbeitet habe. In den erzwungenen falschen “Geständnissen” werden Österreich und die USA genannt. Das Urteil wurde ihm nur mündlich mitgeteilt – schriftlich haben wir es bis jetzt noch immer nicht.  

Wie ging es ihrem Mann damals?

Wenn man jemanden inhaftiert, ohne dass er ein Verbrechen begangen hat, und monatelang foltert und in Einzelhaft hält, dann hat das nicht nur körperliche Auswirkungen, er war auch psychisch in einem schlechten Zustand. Als seine Mutter ihn endlich nach vier Monaten zum ersten Mal sehen durfte, hatte er 16 Kilo abgenommen, er sprach mit ziemlich zittriger Stimme und war verängstigt. Er hat monatelang auf dem Boden schlafen müssen, auf einem Teppich und später, erst nach eineinhalb Jahren, wurde er in die normale Abteilung des Gefängnisses verlegt. Als er da angekommen ist, hat er schon enorme Schmerzen gehabt – Rückenschmerzen – und konnte nicht mehr aufstehen. Monatelang ist er im Bett gelegen. Einmal, als seine Mutter ihn besuchen wollte, konnte er nicht selbstständig zum Besuchszimmer gehen.  Zwei andere Gefangene mussten ihm helfen. Sie haben ihn dorthin getragen.  

Wie haben Sie die erste Zeit nach Kamrans Verhaftung erlebt?

Ich habe oft täglich nur mehr zwei Stunden geschlafen. Innerhalb von zwei Wochen habe ich mehr als 16 Kilo abgenommen. Ich erinnere mich, als ich zuletzt auf der Waage stand, habe ich 45 gesehen, danach habe ich mich nicht mehr gewogen. Ich war nur mehr Haut und Knochen zu dieser Zeit. Die Kinder waren noch klein in dem Jahr. Also unser Junge war zwei Jahre alt, ging in den Kindergarten und meine Töchter, die waren neun und zwölf Jahre alt, eine war in der Volksschule, die andere hatte mit dem Gymnasium begonnen. Ich habe einfach nur die Kinder in die Schule gebracht, bin nach Hause gekommen, habe gearbeitet und gekocht, die Kinder abgeholt und dann aufgepasst, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Wie die ersten Monaten vergangen sind oder wie die Kinder das alles mit mir mitgemacht haben, das habe ich eigentlich gar nicht mitbekommen, weil wir alle in einen Ausnahmezustand waren. Ich habe immer gedacht, okay, morgen wird er freikommen. Wirklich. Ich war jeden Tag bereit, dass die Tür klingeln wird und Kamran durch die Tür kommen wird. Aber erst im Sommer danach und nachdem dieses Urteil ausgesprochen wurde, da wurde mir klar, dass das nicht irgendeine irrtümliche Verhaftung ist, sondern mehr dahintersteckt. Und erst nachher, viel, viel später habe ich dann erfahren, dass Kamran kein Einzelfall ist und, dass es so viele andere Familien in dieser Situation gibt. Aber bis das mit Kamran geschehen ist, hatte ich davon nie  gehört. Ich habe dann auch mehr die anderen Fälle gelesen. Diese Folter, die erzwungenen Geständnisse, danach dieses Scheingerichtsverfahren, das Urteil, alles ist dasselbe… Da denkt man wirklich: Ich bin einfach im falschen Film.

Wie ist Kamrans gesundheitlicher Zustand heute?

Etwa ein oder eineinhalb Jahre später, als er in der normalen Abteilung des Gefängnisses war, wurde er operiert. Er hat zwei Operationen gehabt, an der Bandscheibe und an der Wirbelsäule. Seine Beweglichkeit ist begrenzt, er kann sich nicht mehr bücken. Solche Bewegungen kann er nicht mehr machen. Noch dazu hat er einen Tumor bei seinem Oberschenkel im Knochen. Im Gefängnis bekam er auch hohen Blutdruck im Zusammenhang mit der Folter. Sie haben ihm Medikamente gegeben, um den Blutdruck zu senken. Am Anfang haben sie wenig geholfen, aber jetzt ist das unter Kontrolle. Zweimal am Tag muss er Blutdruck-Medikamente einnehmen. Seitdem wir miteinander auch telefonisch reden können, geht es ihm natürlich viel besser, weil so weiß er wenigstens, dass es mir und den Kindern gut geht.

Briefe geschrieben habe ich mir selbst eigentlich. Ich habe sie geschrieben und in meine Schublade gelegt. Wenn Kamran irgendwann kommt, dann kann er sie hoffentlich lesen.

Harika Ghaderi, Frau des im Iran inhaftierten Österreichers Dr. Kamran Ghaderi

Wie oft können Sie und Ihre Kinder Kontakt zu ihm haben?

In den letzten Jahren kann er uns täglich anrufen. Er kann mit mir reden, mit den Kindern reden – aber nur telefonisch. Gesehen haben wir uns in dieser Zeit nur zweimal in Video-Anrufen als er Hafturlaub bekommen hat. Einmal als er die Operation hatte, da haben wir mit uns in einem Video-Anruf gesehen und einmal, vor einigen Monaten hatte er wieder eine Woche Hafturlaub. Da haben wir uns auch via Video gesehen, das war gut für die Kinder, insbesondere für unsere Jüngste.

Wie geht es Ihren Kinder damit, dass ihr Vater fehlt?

Es ist natürlich ziemlich schwierig, wenn im Kindesalter der Vater einfach aus ihrem Leben gerissen wird. Mein Sohn war ja damals erst zwei Jahre alt und Jahre später hat er sogar vergessen, wie sein Vater eigentlich ausschaut. Obwohl ich ihm immer Fotos zeige, damit er weiß, dass der Vater da ist. Ganz am Anfang dachte er sogar eine Zeit lang, dass der Vater verstorben ist und, dass ich es ihm nicht gesagt habe. Als er im Vorschulalter war, habe ich ihm erzählt, was geschehen ist, dass der Papa irrtümlich dort inhaftiert ist – weil wie kann man einem Kind schon alles erzählen… Aber dann erst, nachdem er bei diesem Videochat seinen Vater gesehen hat, erst dann hat er wirklich das Gefühl gehabt, er hat einen Vater. Davor habe ich ihm immer beim Telefonieren gesagt: Schau, das ist Papa, sag mal Hallo – aber er hat nur Hallo gesagt und wusste nicht so recht, mit wem er redet… Erst bei diesem Videochat habe ich wirklich beobachtet, er hat so ein bisschen Tränen in den Augen gehabt, da hat er wirklich realisiert, okay, er hat jetzt wirklich einen Vater und der ist am Leben und redet mit ihm. Meine älteste Tochter hat dieses Jahr mit der Uni angefangen. Die Kinder schauen sich ab und zu die Filme aus ihrer Kindheit mit dem Papa an. Aber von meinem jüngsten Sohn gibt es so wenige Aufnahmen und Fotos mit seinem Vater. Jedes Mal wenn meine ältere Tochter die Filme zeigt mit dem Papa, zum Beispiel von einer Weihnachts- oder Geburtstagsfeier, da sagt er: Ja und wo ist meiner? Wo ist meiner? Aber da kann ich ihm nur einen zeigen.

Besonders in Zeiten der COVID-19-Pandemie war es ziemlich schlimm, weil nacheinander in jeder Zelle mehr als die Hälfte mit COVID-19 infiziert waren. Aber getestet wurde erst Monate später.

Harika Ghaderi, Frau des im Iran inhaftierten Österreichers Dr. Kamran Ghaderi

Wie sind jetzt die Haftbedingungen für Kamran?

Die Haftbedingungen im Gefängnis in Evin sind natürlich nicht mit jenen in einem Gefängnis hier in Europa zu vergleichen. Er ist dort in einem kleinen Raum, ungefähr 20 Quadratmeter denke ich, mit 14 bis 16 anderen Inhaftierten gemeinsam. Sie haben dreistöckige Stockbetten. Besonders in Zeiten der COVID-19-Pandemie war es ziemlich schlimm, weil nacheinander in jeder Zelle mehr als die Hälfte mit COVID-19 infiziert waren. Aber getestet wurde erst Monate später. Kamran hat auch COVID-Anzeichen gehabt. Zuerst dachten wir, das sei eine normale Grippe, aber dann dauerte das länger. Es hat mit hohem Fieber angefangen, drei Tage lang hat er Fieber gehabt und danach alle anderen Anzeichen. Erst etwa einen Monat später wurde er getestet, der Test war negativ, aber auch nach dem Test gab es diese Folge-Beschwerden von COVID. Er hat ziemlich lange Muskelschmerzen gehabt und drei, vier Monate lang hatte er keinen Geruchs- und Geschmackssinn. Vor einigen Monaten war er eben auf Hafturlaub, für fünf Tage war der Urlaub vorgesehen. Für die Rückkehr musste er auch einen COVID-Test machen und dieser Test war positiv. Aber bei der zweiten Ansteckung hatte er Gott sei Dank einen milderen Verlauf, da er schon zwei Impfungen bekommen hatte.

Können Sie einander auch Briefe schreiben? 

Das haben wir bis jetzt nicht gemacht, ganz am Anfang wollte ich ihm auch ein paar Bücher schicken, damit er dort etwas auf Deutsch zu Lesen hat, aber dann habe ich erfahren, dass man gar nichts hineinbringen kann ins Gefängnis. Und Briefe geschrieben habe ich mir selbst eigentlich. Ich habe sie geschrieben und in meine Schublade gelegt. Wenn Kamran irgendwann kommt, dann kann er sie hoffentlich lesen. 

Kamran hatte kürzlich seinen 58. Geburtstag.

Ja, das war jetzt sein siebter Geburtstag im Gefängnis. Manchmal kann ich selbst nicht glauben, dass inzwischen sechs Jahre vergangen sind. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Kamran das dort ausgehalten hat. Ich habe wirklich gar nicht mitbekommen, wie die Jahre vergehen. Immer wieder Hoffnung, immer wieder Erwartungen. Aber ohne Ausgang, ohne Erfolg, denn Kamran ist nach wie vor im Gefängnis. Und ich wünsche mir wirklich, dass es dieses Jahr anders wird. Dass Kamran mit uns zu Hause ist, mit den Kindern. Dass die Kinder endlich ihren Vater haben und ihre Jugendzeit mit ihrem Vater verbringen können. Am liebsten würden wir seinen Geburtstag wirklich riesengroß feiern mit den Kindern. Aber dafür brauchen wir Kamran hier in Wien. 

Möchten Sie den Leser*innen noch etwas mitgeben?

Ich bitte alle Menschen auf der ganzen Welt, dass sie die Petition für meinen Mann unterstützen, die Amnesty gestartet hat. Bevor es Kamran passiert ist und ich in den Nachrichten gelesen habe, dass manche Menschen für zehn oder zwanzig Jahre unschuldig inhaftiert werden und erst dann freigelassen werden... Da habe ich mir immer gedacht, hat es denn da niemand gegeben? Hat denn niemand herausgefunden, dass der Mensch gar nichts getan hat? Wie kann so etwas auf dieser Welt zu dieser Zeit passieren? Und dann erleben wir das jetzt selbst in unserer Familie. Mein Mann hat nie irgendwas Falsches gemacht, er hat nie gegen das Gesetz verstoßen. Und trotzdem sitzt er dort im Gefängnis, scheinbar als Spielball des Iran wie viele andere europäische Staatsbürger*innen. Das tut am meisten weh. Sie nehmen einfach jemanden fest, damit sie ihn dann später für einen Austausch oder für etwas anderes verwenden können. Und genau das ist jetzt auch mit Kamran passiert. Ich bin Amnesty wirklich dankbar, dass die Organisation Kamrans Freilassung fordert und uns unterstützt. Bitte macht mit und fordert Kamrans Freilassung!

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