Loading...
© MANJUNATH KIRAN/AFP/Getty Images

news

Versorgungsengpass in Südasien: Regierungen müssen gerechten Zugang zu COVID-19-Impfstoffen sicherstellen

20. April 2021

Regierungen in Südasien müssen sicherstellen, dass gefährdete Bevölkerungsgruppen nicht vom Zugang zu COVID-19-Impfstoffen ausgeschlossen werden, fordert Amnesty International. Gleichzeitig ruft Amnesty die internationale Gemeinschaft auf, die Produktion von Impfstoffen auf nationaler Ebene zu ermöglichen, um den gravierenden Versorgungsengpass in der Region zu beheben. 

In ganz Südasien haben Impfprogramme begonnen, doch einigen Gruppen wird der Zugang zu Impfstoffen bisher verwehrt, da es an Bewusstsein mangelt und auch der Zugang zu Technologie und Information an den meisten Orten begrenzt ist. Zu diesen Gruppen zählen Bewohner*innen von Slums, Dalits (Bezeichnung für die sogenannte unterste Gruppe im hinduistischen Kastensystem, "Kastenlose"), ethnischen Minderheiten, Arbeiter*innen, darunter Tageslohnarbeiter*innen, Arbeiter*innen in der Müllentsorgung, der Bekleidungsindustrie und auf Teeplantagen, sowie Menschen in ländlichen Gebieten, Inhaftierte und Binnenvertriebene. Andere Gruppen, darunter Geflüchtete und Migrant*innen, wurden in vielen Ländern bisher völlig von den staatlichen Impfkampagnen ausgeschlossen.  

Da Impfstoffe knapp sind, haben die meisten Länder in Südasien nicht mehr als sechs Prozent ihrer Bevölkerung mit einer ersten Dosis geimpft, wobei die Impfdosen bisher nur die mittleren und höheren Einkommensgruppen erreichen. Amnesty International fordert Regierungen auf der ganzen Welt auf, auf bestimmte Teile jenes globalen Abkommens zu verzichten, das Rechte und Patente an Gütern einschließlich Medikamenten regelt (TRIPS). 

Bei der Einführung von Impfstoffkampagnen wurden benachteiligte Gruppen in ganz Südasien durch praktische Hürden effektiv ausgeschlossen.

Yamini Mishra, Regionaldirektorin Asien-Pazifik bei Amnesty International

"Die Regierungen Südasiens müssen einen fairen und gerechten Zugang zu Impfstoffen für alle sicherstellen, unabhängig von Kaste, sozioökonomischem oder anderem Status, Herkunft oder Nationalität", sagt Yamini Mishra, Regionaldirektorin Asien-Pazifik bei Amnesty International, und sagt weiter: 

"Der mangelnde Zugang zu Impfstoffen in den meisten Ländern der Region ist ein reales und dringendes Problem, das so schnell wie möglich gelöst werden muss. Das darf diesen Ländern jedoch keinen Anlass geben, den Zugang zu Impfstoffen unangemessen einzuschränken, indem sie zum Beispiel gefährdete Gruppen nicht informieren, wie sie zu einer Impfung kommen. Wer man ist und wo man lebt, darf nicht über den Zugang zu Impfstoffen entscheiden."   

Hürden beim Zugang zu Impfstoffen und Information 

Viele Menschen in weniger privilegierten Gemeinden in ganz Südasien haben keinen Zugang zu Smartphones und anderen mobilen Geräten, die in den meisten Fällen benötigt werden, um sich online für Impfungen zu registrieren. Auch der Großteil der öffentlichen Gesundheitsinformationen werden über diesen Weg verbreitet. 

In Pakistan schließt der Registrierungsprozess bestimmte Gruppen von vornherein aus, da nationale Identitätsnummern verlangt werden, die für Geflüchtete oder Migrant*innen nicht verfügbar sind. Anfang April ermöglichten die Behörden Ausländer*innen über 60 Jahren und medizinischem Personal ausländischer Herkunft die Impfung, aber es gibt keine Klarheit darüber, wie diese Gruppen sich für die Impfung registrieren können. Da die Impfstoffregistrierung per SMS oder online erfolgt, sind auch Gefangene ohne Zugang zu Internet oder Telefon effektiv ausgeschlossen. Während die Provinzregierung von Sindh angekündigt hat, dass alle Gefangenen über 50 Jahren geimpft werden sollen, ist nicht klar, ob andere Provinzen diesem Beispiel folgen werden. 

Aufgrund des fehlenden Zugangs zu Informationen und fehlenden Mechanismen für den Informationsaustausch über die Einführung von Impfstoffen herrscht in Ländern wie Bangladesch unter der Landbevölkerung weiterhin die falsche Vorstellung, dass COVID-19 nur für Stadtbewohner*innen ein Problem darstellt. Amnesty International fordert die nationalen Behörden auf, in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen Maßnahmen zu ergreifen, um auch die Landbevölkerung über Impfkampagnen zu informieren und ein Bewusstsein für die von COVID-19 ausgehende Gefahr zu schaffen.  

In Sri Lanka erschwert die eingeschränkte Kommunikation über Termine, Orte und Anspruchsberechtigungen für Impfungen den Zugang. In einigen Ländern wie Afghanistan, Pakistan und Sri Lanka gibt es keine Informationen über die COVID-19-Impfplanung und die Immunisierung der breiteren Bevölkerung. In der Zwischenzeit werden Impfpläne, die von Ländern wie Bangladesch für die Durchimpfung der Bevölkerung entwickelt wurden, nicht umgesetzt, wie z. B. Reinigungskräfte, ungelernte Lohnarbeiter*innen und Menschen in unteren Einkommensgruppen zu impfen. Regierungen müssen sicherstellen, dass die Informationen zu den Impfplänen effektiv an die Menschen weitergegeben werden, in Sprachen und Formaten, die für sie verständlich sind. Nur so kann ein gerechter Zugang zu Impfstoffen gewährleistet werden. 

TRIPS-Abkommen aussetzen, um Impfstoffknappheit entgegenzuwirken 

Da die Länder, die Impfstoffe herstellen, ihren eigenen Bevölkerungen Vorrang einräumen, ist es für Länder in Südasien sehr schwierig, genug Impfstoff zu kaufen, um den nationalen Bedarf zu decken. 

Die Situation hat dazu geführt, dass Hunderte Millionen Menschen in der Region in absehbarer Zeit keinen Zugang zu Impfstoffen haben werden, darunter Gruppen wie eine Million geflüchtete Rohingya in Bangladesch und vier Millionen Binnenvertriebene in Afghanistan. In Pakistan haben die begrenzten Vorräte dazu geführt, dass viele Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens über Schwierigkeiten bei der Sicherstellung ihrer zweiten Impfung berichteten. Das führt dazu, dass sie nun in der dritten COVID-19-Welle, in der sich das Land gerade befindet, der Krankheit schutzlos ausgeliefert sind.  

Amnesty International fordert die Regierungen auf, ihre Menschenrechtsverpflichtungen zu erfüllen und aktiv den Vorschlag zu unterstützen, bestimmte Regelungen des TRIPS-Abkommens auszusetzen. Das TRIPS-Abkommen ist ein globaler Vertrag, der die Rechte an geistigem Eigentum regelt und der oft einschränkt, wo, wann und wie Medikamente produziert werden.

Internationale Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und Impfstoffe so schnell wie möglich universell verfügbar zu machen.

Yamini Mishra, Regionaldirektorin Asien-Pazifik bei Amnesty International

"Südasiatische Länder mit der Kapazität, Impfstoffe zu erschwinglichen Preisen zu produzieren, müssen für eine gerechte Verteilung sorgen. Sie müssen globale Gremien, pharmazeutische Unternehmen und andere Staaten, die Impfstoffe herstellen, auffordern, einen Ressourcen- und Technologietransfer zu forcieren, um Impfstoffe vor Ort produzieren zu können", sagt Yamini Mishra. 

Amnesty fordert faire Dosis für alle Menschen 

Amnesty International fordert im Rahmen der weltweiten Kampagne “Faire Dosis” eine globale gerechte Verteilung von Impfstoffen: Jeder Mensch, egal, wo auf der Welt, muss einen fairen Zugang zu COVID-19-Impfstoffen haben. Staaten müssen ihren menschenrechtlichen Verpflichtungen nachkommen und Druck auf die Pharmaindustrie ausüben. Pharmafirmen haben eine Verantwortung dafür, dass das Recht auf Gesundheit aller Menschen gewahrt wird. Wenn die Unternehmen ihr Wissen und ihre Technologien teilen, können Impfstoffe schneller produziert werden und Menschen auf der ganzen Welt können so rascher geimpft werden. 

Eine faire Dosis für alle Menschen!

Unterstütze den internationalen Aufruf und fordere Verantwortung von den Pharmafirmen ein – sodass alle Menschen so schnell wie möglich geimpft werden können – ganz egal, wo auf der Welt sie leben.

Warum wir uns gemeinsam für fairen Zugang zu Impfstoffen einsetzen müssen

Mehr dazu

Afghanistan: Bedrohte Frauen schützen!

Jetzt helfen